2025
Zuversicht
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Eine andere Sicht der Dinge: Wie ein blinder Familienvater den Alltag meistert

© Andrea Uhrig

„Meine Frau vertraut mir blind!“ Wenn Daniel Puff (56) das sagt, muss er lachen. Denn Elke ist tatsächlich blind – er selbst aber auch. Das Nürnberger Ehepaar lebt in kompletter Dunkelheit. Ein schreckliches Schicksal? Das finden die zwei gar nicht. Sie haben einfach nur eine andere Sicht der Dinge.


Ein Unfall verändert alles

Daniel Puff war fünf Jahre alt, als er durch einen Unfall beim Spielen sein Augenlicht verloren hat. „Ich lag wochenlang alleine in der Klinik und war völlig entkoppelt von meinen Brüdern und meinen Eltern. Sie konnten mich nur einmal die Woche besuchen“, erinnert sich der 56-Jährige.

Der kleine Patient haderte aber nicht mit seinem Schicksal. „Ich habe mich einfach umorientiert und gemerkt: Hoppla, das geht ja auch anders.“ Wieder zuhause fand sich Daniel schnell zurecht. „Ich besuchte die Blindenschule, war überall super integriert, trainierte im Verein Kampfsport und war Leistungsschwimmer.“ Sport war für ihn immer die Plattform der Entfaltung und Kommunikation.

Später machte der handwerksbegeisterte Teenager eine Lehre als Bürstenmacher, schulte dann zum Masseur um. Dazu kamen Ausbildungen zum Physiotherapeuten und zusätzlich zum Osteopathen. „Das ist ein toller Beruf für Blinde“, schwärmt er, „man hat den Vorteil, dass man nicht durch die Augen abgelenkt wird.“


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Partnersuche ohne Augenlicht

Im Job lief alles nach Plan. Doch die große Liebe fehlte noch. „Ich habe mich damals nach einer Freundin umgeschaut“, sagt Daniel Puff. Aber wie schaut man sich im Dunkeln um? „Äußerlichkeiten zählen natürlich erstmal nicht besonders. Das Wichtigste ist die Gesprächsebene und der Charakter.“

Und das passte mit Elke gleich perfekt. Sie trafen sich in der Berufsschule, die junge Frau hatte eine sympathische Stimme, als Rettungsschwimmerin das gleiche Hobby, lachte über die gleichen Sachen – und ihr drohte auch das gleiche Schicksal: Durch einen Unfall wurde ihr Sehvermögen immer schlechter.

Es war klar, dass sie im Laufe der nächsten Jahre ganz erblinden würde. „Das zu wissen war für mich furchtbar“, erinnert sich die heute 58-Jährige, „für mich eine große psychische Belastung.“

Auch dank Rüde Bari hat Daniel Puff sein Leben voll im Griff: Trotz seiner Erblindung als Fünfjähriger lebt der Nürnberger mit seiner ebenfalls blinden Ehefrau Elke weitestgehend selbstbestimmt. Sein Schicksal findet er „überhaupt nicht schrecklich“. Im Gegenteil: Er hat einfach nur eine andere Sicht auf die Dinge. Zur Familie gehört auch ein inzwischen erwachsener Sohn.

„Mit anderen Augen gesehen“

Mit Daniel hatte sie den besten Partner, den sie sich in der schwierigen Zeit vorstellen konnte. „Mein Vati fand das allerdings damals gar nicht so toll, als ich ihm einen blinden Freund vorgestellt habe. Doch als er mitbekommen hat, dass Daniel schnitzen und sägen kann, Regale zusammenbaut und Sport macht, hat er ihn gleich mit anderen Augen gesehen.“

Dann ging alles ganz schnell: Das Paar kaufte sich eine Wohnung, kurz drauf gaben sie sich das Ja-Wort und wenig später kam ihr Sohn zur Welt.

Die Krönung der Liebe brachte den blinden Papa aber dann im Krabbel- und Kleinkindalter doch mal ab und zu an seine Grenzen: „Ich hing im Gebüsch und der Kleine saß auf der Rutsche“, beschreibt Daniel die etwas unglücklichen Spielplatzbesuche. „Zum Glück hatte Elke noch einen Sehrest und konnte das dann übernehmen.“


Sprechende Uhren und Screenreader

Als der Junior im Jahr 2010 in die 9. Klasse kam, verschwand auch bei Elke Puff das letzte Licht. „Ein gewaltiger Einbruch – aber man wächst mit seinen Aufgaben“, sagt sie über die Zeit von damals. Mit Daniels Erfahrung hatte sie schließlich den besten Lehrer, um im dunklen Alltag zurechtzukommen – neben zahlreichen technischen Möglichkeiten wie Screen- und Barcodereader, sprechenden Uhren und (Wasser-)Waagen und Navi.

Und dann gibt es natürlich noch Bari: Der Mischlingsrüde ist der Blindenhund von Daniel und begleitet das Paar auf Schritt und Tritt. „Er ist wie mein Kind, mein tierischer Partner auf vier Pfoten, der mit mir durch dick und dünn geht“, sagt Daniel. Für ihn verzichten die beiden inzwischen auch auf Besuche am Meer – sondern verbringen ihren Urlaub am liebsten beim Wandern in den Bergen.


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Den Gipfelblick blind genießen

„Ich liebe es die Wärme der Sonnenstrahlen zu spüren und den Vögeln zu lauschen“, schildert Daniel Puff. Die schöne Aussicht vom Gipfel findet in seiner Vorstellung statt: Ich merke, ob neben mir Bäume oder Felsen sind, ob wir im Schatten oder in der Sonne laufen. Und ich liebe es, wenn man hört, wie die Geräusche des Dorfes im Tal näher kommen.“


Hilfe im Alltag unerlässlich

Natürlich muss man als Blinder im Alltag auch oft um Hilfe bitten: zum Beispiel im Supermarkt, um bestimmte Produkte zu suchen, oder bei einer Erkältung, wenn Daniel den Verkehr nicht richtig hören kann. Oder im Restaurant, um Fleisch zu schneiden – das sind nur einige Beispiele. „Das ist auch eine Sache, an die man sich als Blinder erst gewöhnen muss“, erklärt Daniel.

Trotzdem: Probleme scheinen bei dem Nürnberger nur dazu da zu sein, um sie zu lösen. Und so setzt der blinde Lebenskünstler – seit er seine Arbeit als Physiotherapeut wegen Rückenproblemen nicht mehr ausführen kann – seine Erfahrung im Behindertenrat der Stadt Nürnberg ein.

Als Vorsitzender des Ausschusses Barrierefreiheit im öffentlichen Raum ist er an Bauvorhaben jeder Art wie der Planung öffentlicher Gebäude, Haltestellen des ÖPNV sowie Ampeln und Querungsmöglichkeiten an Straßen zuständig.

Er unterstützt die Zuständigen bei der Gestaltung von Parkanlagen und Plätzen – nicht nur für die 761 blinden Nürnberger, sondern dafür dass alle 93.000 Schwerbehinderten ein möglichst selbständiges Leben führen können. „Die Zusammenarbeit mit der Stadt ist nahezu 100 Prozent“, lobt das Vorstandsmitglied. Und hilft mit seiner Erfahrung allen Behinderten. 

Andrea Uhrig